Idee und Recherche
Ende Mai habe ich eher nebenbei erfahren, dass am Wochenende vom 10. Juli 2026 wieder das Burgfest in Burghausen stattfindet. Bisher hatte ich es leider weder auf ein Burgfest irgendwo, noch nach Burghausen geschafft. Nachdem meine Schwester & Partner motiviert waren, gemeinsam hinzufahren, und wir uns dort mit Freunden treffen konnten, die in Burghausen leben, stand der Entschluss rasch fest.
Womit ich mich sofort beschäftigte – aber erst ein paar Tage später als intensives Projekt für mich fixierte: Schneidern einer historischen Gewandung.

Aber woraus besteht so ein mittelalterliches Outfit denn überhaupt? Erstmal war mir Recherche wichtig, um herauszufinden, wann die Burg Burghausen – die längste Burg der Welt – ihre Hochzeit hatte und welcher Stil bzw. welche Kleidungsstücke demnach stimmig wären. Ich habe mich für eine italienische Gamurra mit Camicia als Unterkleid und einer Giornea als Überkleid entschieden. Alle Online-Tipps von erfahrenen (Hobby-)Schneiderinnen mit Fokus auf historische Kostüme liefen auf dasselbe hinaus: die Schnittmuster von Margo Anderson. Dort wurde ich mehr als fündig für meine Zwecke und bin sehr glücklich mit der Anschaffung der Muster (mit denen ich in Zukunft mit Sicherheit noch mehr Spaß haben werde).



Was waren von hier an die wichtigsten Überlegungen?
- Zeitmanagement
- Planung und Dokumentation
- Materialien anschaffen
- Machen, machen, machen …
Materialien und Vorbereitung:
Um Nerven sowie Papier zu sparen, habe ich erstmals nach einem Schnittmuster-Druckservice (A0) gesucht, der zu fairem Preis auch für Privatpersonen nutzbar ist. (Falls jemand hierzu Tipps/Anlaufstellen in Österreich kennt, bitte kommentieren – hier wurde ich leider bisher nicht fündig.) Tatsächlich bin ich bei PlotPlus gelandet und absolut zufrieden mit Service und Preis-Leistungs-Verhältnis.
Während die Muster also in Deutschland gedruckt wurden, habe ich mich natürlich schon auf Stoffsuche begeben. Im Endeffekt habe ich bei Stoffe-Hemmers bestellt, und zwar einen wunderschönen, glatten Leinenmix (75 % Leinen, 25 % Baumwolle; 238 g/m²) in Bordeaux (plus passendem Garn) für die Gamurra, leichten Baumwollbatist für die Camicia und marineblauen Futterstoff für die Giornea. Den Hauptstoff für die Giornea habe ich nach längerer Abwägung – und Suche nach einem zumindest halbwegs passenden Design – bei Etsy bestellt.
Wie viel Zeit blieb mir dann ab Ankunft der Schnittmuster? Knapp fünf Wochen. Also habe ich mich so rasch wie möglich daran gemacht, nach Maßnehmen und Größenbestimmung mit den nötigen Anpassungen bzw. Gradierung die benötigten Schnittmusterteile auf Architektenpapier abzupausen. Das war nur für Gamurra und Giornea nötig, denn das Unterkleid Camicia besteht traditionell nur aus Rechtecken, und hier findet man in der Anleitung die entsprechenden Maße.
Um nicht wie schon so oft laufend von Zoll zu Zentimeter umrechnen zu müssen, habe ich mir endlich ein Maßband mit Zentimetern auf einer Seite und imperialen Inches auf der anderen Seite zugelegt. Durchaus praktisch! (Aber Vorsicht: nicht mit dem „chinesischen Zoll“ Cun (寸) verwechseln …)



Die Camicia (Unterkleid)
Nach Ankunft des Leinenmix und des Baumwoll-Batist mussten diese nach der Versäuberung der Schnittkanten mit dem Overlocker erst gewaschen werden und dienten beim Trocknen als Hängematte. Danach habe ich mich als Erstes an das Ausschneiden der Teile und die Konstruktion des Unterkleides gewagt.
Die Anleitung ist sehr detailliert und hat mich nur beim ersten Anlauf in Bezug auf die Gussets (quadratische Einsätze unter dem Arm) etwas verwirrt, aber nach zwei Anläufen hatte ich es verstanden und konnte die Stoffteile fertig zusammennähen. Nun stand die Herausforderung des Kräuselns der sehr großen Länge des Ausschnitts bevor. Ich habe die Kante in vier Teile aufgeteilt und mit längstem Geradstich sowie reduzierter Fadenspannung genäht, dann in mehreren Anläufen die Stoffmenge halbwegs unter Kontrolle gebracht. Bei jedem Anprobieren wurde mir erneut schmerzlich bewusst, dass Hochsommer war und selbst dieser leichte Batist eine Herausforderung darstellen würde …
Trotzdem ging es im Prozess weiter, und nach ein paar Anpassungen habe ich per Hand auf der Innenseite ein Baumwollköperband (in der Hälfte gefaltet) angenäht, um die Rüsche rundum zu fixieren. Den Saum habe ich an dem Punkt noch unversäubert gelassen, denn im Notfall hätte man ihn auch unter der Gamurra für ein einmaliges Tragen roh lassen können.


Das Gamurra-Oberteil
Mit noch etwa drei Wochen Zeit bis zum Event war das Hauptkleid als Nächstes dran, also kam der rote Leinenmix zum Einsatz. Die Ärmelteile und die Oberteil-Stoffelemente mussten ausgeschnitten werden. Die Versteifungsteile sowie Futterstoffstücke habe ich aus diversen Stoffresten vorbereitet (Futter aus Leinen-Viskose-Mix und Stiffening aus verschiedenen Stärken und Qualitäten in graduell kleiner werdenden Stücken). Ich hatte noch nie eine Konstruktion mit Pikierstich im Brustbereich gesehen, geschweige denn selbst vorgenommen. Ich kannte die Technik „pad stitching“ – also Pikierstich – nur vom Sehen her, etwa bei Mantelkrägen. Erst habe ich natürlich die Anleitung erneut sorgfältig durchgelesen, danach die ersten Reihen versucht und mir auch online ein paar Videos angeschaut, die die Nähtechnik zeigen.
Ich bin im Endeffekt für einen ersten Versuch richtig glücklich mit dem Ergebnis, und auch im fertiggestellten Oberteil funktioniert der verstärkende Effekt, der weitere Underpinnings unnötig macht, großartig! (Da überlege ich tatsächlich, mir die Technik in Zukunft vielleicht auch bei modernen, körpernahen, gefütterten Oberteilen zunutze zu machen …)
Anstelle eines Abnähers, wie man ihn bei moderner Kleidung kennt, wird bei historischen Oberteilen zur Formgebung eine Raffung entlang des vorderen Ärmelausschnitts gemacht. Daraufhin werden Hauptstoff und Futter zusammengenäht und nach dem Umdrehen sauber gepresst. Die Ärmelausschnitte habe ich danach mit farblich passendem Schrägband eingefasst. Daraufhin habe ich alle vier Ärmelteile mit den Futterteilen zusammengenäht, gewendet und gebügelt.






Entscheidungen und Reevaluierung
Die nächsten wichtigen Entscheidungen, die ich fällen musste, betrafen einerseits die Camicia – genauer gesagt das Material – und weiters die Schnürung der Gamurra. Nach etwas Hin und Her und dem Bewusstsein, dass für die kommenden Wochen weiterhin hochsommerliche Temperaturen prognostiziert wurden, habe ich beschlossen, eine ganz neue Camicia zu nähen und mir dafür zum ersten Mal hauchdünnes, echtes Reinleinen zu leisten. Für die Anschaffung habe ich der Traditionsweberei Vieböck mit Sitz in Oberösterreich mein Vertrauen geschenkt. Theoretisch bieten sie einen Stoffproben-Service an, und ich hätte den ausgesuchten Stoff auch persönlich im Geschäft im 1. Bezirk in Wien fühlen und begutachten können. Da aber neben gutem Bauchgefühl auch Zeitdruck mit von der Partie war, habe ich umgehend bestellt. Zum Glück!



Trotz der Mehrkosten und des Mehraufwands bereue ich die Entscheidung, die Camicia zur Gänze neu zu machen, gar nicht. Durch die Wiederholung gingen mir die Arbeitsschritte außerdem um einiges rascher von der Hand. Was ich im Vergleich zur ersten Variante aus Batist geändert habe: Ich habe alle Stoffteile mit dem Rollsaum meines Overlockers versäubert. Das hat für diesen feinen Stoff ein wirklich schönes Ergebnis geliefert. Zusätzlich habe ich die Raffungsnähte bewusst mit Kontrastfarbe auf der Unterspule genäht, um gezielt mit den Unterfäden raffen zu können. Etwas Gefummel war zwar nötig, aber die gerafften Nahtenden habe ich um Nähklammern gewickelt und konnte sie so für die Anproben temporär fixieren, bis ich mit dem Ausschnitt zufrieden war. (Das übliche Wickeln um Stecknadeln, wie es oft empfohlen wird, will bei mir nämlich partout nicht klappen.)
Der Rock der Gamurra wurde vorbereitet und wartete darauf, in Falten gelegt und an den Hauptstoff des Oberteils angenäht zu werden. Ich habe die in der Anleitung von Margo Anderson empfohlene Methode „Divide and Conquer“ gewählt – auf Deutsch „Teile und herrsche“ („divide et impera“ für die Lateinfans). Auch davor hatte ich einen Heidenrespekt: Bisher habe ich es immer vermieden, Faltenröcke oder Kleider mit Faltenrock zu nähen, weil mir die mathematischen „Abhandlungen“ hierzu oft zu kompliziert oder zu mühsam vorgekommen sind. Aber mit dieser Methode war ich überraschend schnell und mit dem Ergebnis recht zufrieden. Das Innenfutter des Oberteils musste dann noch per Hand mit Blindstich angenäht werden, damit die Innenseite schön versäubert ist. (siehe letztes Bild weiter oben)
Schnürung & Ösen
Was die Öffnung betrifft, habe ich mich für eine vordere Öffnung mit mittlerer Schnürweite entschieden. Ich habe metallene „Lacing Rings“ , also Schnürringe oder Korsettringe, besorgt. Ich habe sie (13 Stück) passend für die Spiralschnürung, wie sie historisch lange Zeit üblich war, angeordnet und mit Knopflochseide (Polyester-Gütermann-Garn, das ich bereits für Lederarbeiten zuhause hatte) an je drei Punkten angenäht (danke an das Reddit-Feedback!). Als ich damit fertig war, habe ich mich an die handgenähten Ösen gemacht. Zuerst habe ich mir ein paar Videos dazu angesehen, um danach mutig genug zu sein, diese Herausforderung zum ersten Mal anzugehen. Insgesamt hat das Oberteil inklusive der Ärmel für die einfachste Schnürungsvariante 41 Ösen benötigt (sofern ich mich nicht verzählt habe). Auch am oberen Ärmel der Gamurra sind pro Seite 5 Ösen nötig um die Oberärmel anbinden zu können. Nach 48 Stunden aufhängen des Kleides, habe ich den Saum mit einer eigenen Facing Stoffbahn (aus Reststoff des roten Leinen Mix) versäubert – dieser Stoff Streifen könnte ausgetauscht werden, wenn stärkere Abnutzungsspuren vorkommen und schützt das Hauptkleid. Die Saumnaht habe ich mit dem Blindfuß und Blindstich meiner Nähmaschine genäht – bei 4m Länge eine gute Entscheidung. Abschließend habe ich noch ein Hook & Eye ergänzt am „V Ausschnitt des Rockteils“.






Mein „Stiefkind“, die Giornea
Das Überkleid „Giornea“ („giorno“ = Tag) wurde historisch aus variierenden Materialien gefertigt. Von leichter Seide bis Brokat war viel möglich. Meine Variante ist nur eine optische Anlehnung aus Polyester ohne jeden historischen Anspruch abgesehen von der Konstruktion. Irgendwann während ich an der Gamurra gearbeitet habe kam der Stoff für die Giornea an. Überraschend leicht, aber wie von Vornherein klar nur Polyester und demnach zu heiß für 30 Grad Celisius plus am Burgfest.
Das Futter habe ich gestückelt und somit nur den unteren Bereich aus Futtertaft und den oberen Teil dafür aus leichtem Baumwoll Stoff den ich noch zuhause hatte genäht.
Grundsätzlich ist sie abgesehen von den großen Stoffmengen recht einfach zu konstruieren – die Stoffbreite war auch bei meiner kleineren Größe zu gering und ich musste eine „Slash and Spread“ Methode anwenden.






Schuhwerk, Schmuck usw.
Bezüglich Schuhwerk habe ich mich für Samt-optik Ballerinas mit Riemen entschieden die in bordeaux rot sehr unauffällig waren mit dem restlichen Gewand.
Mein Schumck waren Ohrringe als Hänger in goldener Optik mit Süßwasserperlen und dazu noch goldfarbene Ringe.
Den Haarschmuck hatte ich von Anbeginn des Projekts im Hinterkopf, hab mich aber ganz bewusst nicht damit befasst um die Prioritäten klar zu halten. Erst am Vorabend des Burgfest Besuches war ich mit allem sonst fertig und hab meine Theorie getestet, dass simple Makrame artige Fischnetz Knüpfung als Haarnetz super funktionieren sollte. Also wurde meine Frisur ein simpler Dutt mit dem Netz darüber gesteckt. Kleine Perlen an den Knüpfpunkten wäre natürlich noch ein Upgrade

Fazit
Im Nachhinein finde ich es schade, dass ich mir nicht die Zeit genommen habe, die Ärmel tatsächlich einmal an das Gamurra-Oberteil zu binden und über der Camicia zu probieren. Die Oberärmel sind mir nämlich deutlich zu groß, um eine wirklich schöne Passform zu erreichen, und ich werde sie vor dem nächsten Tragen noch einmal überarbeiten. Auch die Unterärmel werden eventuell ein wenig gekürzt – das entscheide ich aber erst nach der erfolgreichen Änderung der Oberärmel.
Mit dem Makramee Garn bin ich optisch nicht 100% glücklich für das Anbinden der Ärmelteile. Eine andere Aale die dicker ist hätte mir hier mehr ermöglicht und wird wohl für künftige Projekte die handegnähte Ösen brauchen angeschafft.

